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Wir brauchen einen Fernsehsender

Erster Ausflug mit einem Reporter der Folha de São Paulo in eine Favela am Rand des Abwasserkanals Tietê. Dort hat eine Demonstration stattgefunden. Die Stadtverwaltung hat einige Bewohner mit Entschädigungszahlungen abgefunden, damit sie das Gebiet verlassen. Andere bekommen nichts und sind unzufrieden.

Die Favela wirkt nicht nur wegen der Bretterbehausungen ungemütlich, sondern auch, weil die Häuser der Entschädigten mit Planierraupen eingeebnet wurden, und somit zwischen den noch stehenden Baracken ein unebenes Pflaster aus zersplitterten Baumaterielien entstanden ist - damit keine neuen Bewohner in die verlassenen Behausungen nachrücken.

Der Polizeireporter der Folha, Luis, hat von der Demo erfahren und sich auf den Weg gemacht. "Ausgerechnet heute habe ich neue Schuhe an - und jetzt muss ich in die Favela. Dumm gelaufen."

Vor Ort ist nichts mehr zu sehen außer verkohlten Trümmern am Rand der Schnellstraße, die an der Favela entlangläuft. Auf einem Transparent steht: Wir sind vom Wind verweht, Ratten, Kakerlaken, Müll. Wir brauchen einen Fernsehsender. SOS". Die Polizei ist schon weg, der Reporter etwas enttäuscht.

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Ich treffe am Rand einer Dreizimmerbehausung Andréia, 14 (im grauen Kleid), die wie ich einen Herpes hat. "Was hast du mit deiner Lippe gemacht?" fragt sie. So kommen wir gleich ins Gespräch.

Sie sagt (ungefragt): "Es ist gut UND schlecht, in der Favela zu wohnen. Das Gute ist, dass wir keinen Strom bezahlen und dass wir zentrumsnah wohnen. Das Schlechte, dass hier alles voller Ratten ist."

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Auf der Rückfahrt bekommt Luis einen Anruf. Eine Frau hat den Mord an ihrem Mann während eines Überfalls auf ihre Wohnung angezeigt. Es hat sich aber herausgestellt, dass gar kein Überfall stattgefunden hat - die Frau hat ihren Mann selbst umgebracht.

Eine Geschichte für die Folha? Der Informant sagt, die Frau sei gehobene Mittelklasse. Luis telefoniert mit der Redaktion und betont: Frau aus gehobener Mittelklasse. Luis bekommt den Zuschlag für die Geschichte, findet dann aber heraus, dass die Dame am Rand der Stadt wohnt und ihr Mann Kfz-Mechaniker war. So wird auch aus dieser Recherche nichts.

Warum? Bei täglich vier Morden im Durchschnitt muss man auswählen. Die Leser der Folha gehören der Mittelklasse oder höheren Schichten an. Die interessieren sich nicht für jeden kleinen Fall in der Peripherie. Daher erfolgt die "Localização geográfica do crime", nach der entschieden wird, ob eine Recherche lohnt oder nicht.

 


1 Kommentar 15.1.09 23:10, kommentieren

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Wasser

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Zwei mal täglich warm duschen - das reicht manchmal nicht. Die brasilianische Reinlichkeit versteht besser, wer tageweise durch eine dezent verpestete sommerlich schwüle Stadt gerast ist und wem des nachts kein Hauch frischer Luft um die Nase wehen konnte (selbst wenn es einen gegeben haben sollte), weil wegen des Lärms die Fenster geschlossen werden mussten.

 

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Der Filter São João ist in jedem halbwegs traditionellen brasilianischen Haushalt zu finden. Ein Einsatz aus Mineralien und Silber reinigt das Wasser, das dann durch eine Keramikdecke diffundiert. Der Ton drumherum kühlt und gibt irdenes Aroma. Ein wunderbares Gerät.

2 Kommentare 11.1.09 18:30, kommentieren

Sagenhaft: Leben am Riesenwurm

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Blick aus dem Fenster in der Dämmerung: noch fahren Autos auf dem minhocão (Riesenwurm - ein sagenhaftes Monster mit zwei Tentakeln). Um halb zehn wird die Hochstraße über der rua Amaral Gurgel für Autos geschlossen. Nachts und sonntags ganztägig gehört die Piste Bikern, Läufern, Spaziergängern und Obdachlosen.

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Die Schnellstraße, die den Westen mit dem Süden São Paulos verbindet, ist nur etwa 2 km lang aber erzeugt selbst wenn sie geschlossen ist einen ohrenbetäubenden Lärm. Denn dann fahren die Autos untenrum - wo der Lärm eine gute Resonanzdecke hat.

1972 eingeweiht, ist die doppelte Gurgel (wie ich sie nenne) eine von vielen stadtplanerischen Höchstleistungen des Bürgermeisters und Staatssekretärs für Verkehr Paulo Maluf.

 

 

4 Kommentare 10.1.09 19:27, kommentieren